Panamakanal - SY Kira von Celle im Pazifik
Freitag, 08.02.2008, dieses Datum ist im Kalender rot unterstrichen, SY Kira von Celle geht durch den Panamakanal. Obwohl wir alles gut vorbereitet haben, sind wir ein wenig aufgeregt. In letzter Minute mussten wir uns um neue Leinenhänder kümmern, weil unsere Schweizer Freunde von der SY Shamu aus gesundheitlichen Gründen die Kanalpassage leider nicht fahren konnten. Dank Eva von der SY Albatros, können wir um 09:00 Uhr Virginia und Karl aus Panamacity an Bord willkommen heißen. Virginia, ist Besitzerin einer kleinen Pension – Casa del Carmen –in Panamacity und hat schon mehrere Male als Leinenhänder den Kanal passiert. Karl, ihr Freund aus Amerika zu Besuch, fährt zum 1. Mal, der dritte ist Jan von der SY Atair, ebenfalls Kanalnovize. Wir hatten ja unsere Generalprobe im April 2007 auf der SY La Gitana, ohne Probleme.
Ab 12:30 Uhr wir Abschied genommen, Heike und Wolfgang von der SY Vonnie-T sind per pedes aus dem Rio Chargres gekommen, Tanja und Bernd, SY Upps, tatsächlich noch rechtzeitig aus Panamacity, Horst und Eva, SY Albatros, haben ihre Großbaustelle „Albatros“ unbeaufsichtigt gelassen und Jan hat seine Atair in Shelterbay festgemacht. Sprachengewirr auf der Kira, spanisch, englisch, deutsch und nicht zu vergessen plattdeutsch. Die Zeit fliegt nur so dahin und plötzlich ist es 15:00 Uhr, der Motor läuft, alle springen von Bord und wir legen ab. Aus dem Bordlautsprecher ertönt: „It´s time to say good by” winkend und mit feuchten Augen verlassen wir die Shelterbay Marina. Plötzlich fällt der Motor aus, mit dem Bugstrahlruder kriegen wir gerade noch die Kurve und gehen kurz längsseits an eine große Motoryacht am Kopf unseres Steges, festmachen nicht nötig, Motor springt wieder an. Ohne weitere Probleme erreichen wir die Flats, das Ankerfeld und die Wartezone für den Kanaltransit.
Wieder geht der Motor bei geringer Drehzahl aus, wir lassen sofort den Anker fallen, um nicht auf die ankernden Schiffe zu driften. Vor 18:30 Uhr erwarten wir keinen Adviser, der uns durch die Gatun Schleusen begleitet und so gehen wir auf Fehlersuche ohne Ergebnis. Unser AIS arbeitet ebenfalls nicht, das Kabel von seriell auf USB ist ausgestiegen. Wir stärken uns erst einmal mit karibischem Obstsalat und lecker belegten Baguettes. Um 18:30 Uhr teilt die Panamakanal signalstation auf VHF 12 mit, das es Verspätungen gibt und vor 19:30 Uhr kein Adviser an Bord kommt. Auf der Kira nehmen wir es gelassen, die drei weiteren Yachten versuchen noch Terminverhandlungen zu führen und werfen nach über zwei Stunden kreisen, endlich ihre Anker. Ab 20:00 Uhr werden die Yachten, über VHF 12, namentlich aufgerufen, um ihre Adviser zu übernehmen. Um 20:15 Uhr springt George an Bord und nach kurzer Begrüßung, erklärt er, wir hätten alle Zeit der Welt, unser Schleusungstermin beginnt nicht vor 22:00 Uhr. Na Klasse, bei unserer Panamakanal- Premiere wird eine eigenwillige Regie geführt.
George erklärt Detlev den Schleusenvorgang, wir sind die Führungsyacht und sollen an Steuerbord und Backbord die anderen Yachten übernehmen. An Backbord eine 35 Fußyacht von den Lofoten ohne eigene Panama - Leinen und an Steuerbord eine 41ft Yacht aus England. Die andockenden Yachten sollen die Springleinen legen, wir die Vor- und Achterleinen und an Backbord die beiden Panamaleinen. Schon beim Päckchen schnüren gibt es Probleme, die Engländer übergeben Springleinen mit einem Durchmesser mit denen sich Bergsteiger ihre Schuhe zubinden. Das hat ihr Advisor nicht durchgehen lassen. Danach übergeben sie zwei Panamaleinen, die wir auf der Kira belegen sollen. Jetzt erfolgt das Veto von unserem Adviser, er verlangt zwei Augen in den Leinen und die Belegung auf der eigenen Yacht. Von Steuerbord bekommen wir dicke nach Fisch stickende Leinen, allerdings mit Augen, die Leinenarbeit übernimmt der Adviser, weil kein Crewmitglied je eine Leine bedient hat und der Skipper für seine Chaosyacht wohl kein Interesse hat.
Seit Abfahrt sitze ich am Ruder und funktioniere während des Andockmanövers wie ein Roboter. Maschine vorwärts, Maschine rückwärts, Maschine neutral, Ruder steuerbord, Ruder mittschiffs, Ruder backbord. Alle paar Minuten erschallen neue Kommandos, das zusammen zu schnürende Päckchen soll trotz Wind und Strom mittschiffs ausgerichtet sein und nicht abdriften. Es ist stockdunkel und der Lärm um uns herum ist ohrenbetäubend. Die Kanallokomotiven übernehmen die Stahltrossen eines Panamamax Containerschiffes und ziehen den Koloss in die Schleusenkammer. Nachdem der in Position ist, fährt unser Päckchen ein. Am Ruder jetzt Detlev, unser Adviser als Chef des gesamten Schleppverbandes, will für die Einfahrt in die Schleusenkammer und zur Übergabe der Panamaleinen den Skipper. Wir tauschen die Positionen, Carlos und ich an der Heck – Panamaleine und Virginia und Jan an der Bug – Panamaleine, alle sehr konzentriert. Nur unser 50 Betriebsstunden junger Motor fällt beim Anfahren wieder aus, diese Sondereinlagen kosten Nerven. Ich glaube Detlev hat jetzt ein paar graue Haare mehr. Unser Adviser hat diesen Vorfall auf Grund des Lärmpegels nicht bemerkt, denn der Neustart klappt sofort.
Zügig fahren wir ein und die großen Schleusentore werden geschlossen. Diese riesigen Kammern sind 305m lang, 33,5m breit und 26m tief. Das sind die Maße, nach denen die großen Panamax - Frachtschiffe gebaut werden. Die Nacht ist jetzt hell erleuchtet, überall Scheinwerfer, rechts und links vom Päckchen hohe dunkle Mauern, die Herren mit den Pilotleinen sehen ganz klein aus und schon zurrt und zischt es und die dünne Pilotleinen mit der Affenfaust liegt punktgenau auf dem Vor- und Achterschiff. Mit einem Palstek verbinden wir sie mit der Bucht der Panamaleine. Schnell werden die Leinen nach oben gezogen und über die Poller gelegt und von den Leinehändern dicht geholt. Das Wasser strudelt ein, die Zusammenarbeit aller Leinenhänder funktioniert trotz später Stunde, es ist jetzt 22:15 Uhr einwandfrei. Wir sind ganz fasziniert vom Panamamax vor uns, der zentimetergenau in der Schleusenkammer liegt und von den glänzenden Loks, genannt Mulas, die über schräge Rampen fahrend den Höhenunterschied ausgleichen. Dort die Technik und auf der Kira die Handarbeit, Karl kann sich vor lauter Begeisterung gar nicht wieder beruhigen.
Wie im Fahrstuhl geht es 12m gen Himmel. Die erste Schleusenkammer haben wir hinter uns, beim Anfahren des Panamamax Containerschiffes noch einmal volle Konzentration, das Schraubenwasser verursacht reichlich Turbulenzen und die Leinen werden nochmals dicht geholt. Dann erfolgt der Pfiff aus der Trillerpfeife, die Panamaleinen werden an die Yachten zurückgegeben und die Männer wandern mit den Pilotleinen neben uns in die zweite Schleusenkammer der Gatunschleuse. Vor uns das vollbeladene Containerschiff , wir folgen langsam in die zweite Schleusenkammer und Detlev hat darauf zu achten, das unser Päckchen in der Mitte bleibt. Der Chefadviser zeigt nun ein entspanntes Gesicht, alles läuft nach Plan. Die zweite und dritte Schleusenkammer sind dann Routine, wir sind insgesamt 26 Meter hochgeschleust, um auf das Niveau des Gatun See zu gelangen. Um 01:00 Uhr erreichen wir unsere Übernachtungsboje. Schnell sind die Leinen festgemacht und um 01:15 Uhr verlässt der total übermüdete Adviser George die Kira und bedankt sich bei allen per Handschlag für die gute Zusammenarbeit. Jan und Detlev verschwinden im Motorraum und ich in die Kombüse. Warm essen will keiner mehr und so begnügen wir uns mit einem Gute Nachtdrink. Detlev hat auf den zweiten Wasserabscheider umgeschaltet, in der Hoffnung, dass der Motor morgen keine Aussetzer produziert. Müde aber völlig entspannt fallen alle in ihre Kojen, um 05:30 Uhr ist die Nacht zu Ende.
Pünktlich um 06:15 Uhr übernehmen wir Jose, den Chefadviser für die Pedro Miguel- und Mira Flores Schleusen. Erstes Frühstück mit Kaffee, Tee, süßen und pikanten Baguettes um 06:30 Uhr, zweites Frühstück mit Rührei und gekochtem Schinken um 09:30 Uhr und Mittagessen, Rinderfilet in Burgundersauce mit Ratatouille und Reis, zwischen den Schleusen Pedro Miguel und Mira Flores um 11:45 Uhr. Ferienstimmung an Bord der Kira. Auch unser zweiter Advisor ist übermüdet aber nicht überfordert. Um der Müdigkeit Herr zu werden hat er viel gegessen und getrunken, um anschließend fast die ganze Strecke Ruder zu gehen, dann hat er sich doch noch zu einem Nickerchen in den Salon zurückgezogen. Deutsch, Spanisch und Englisch sind an Bord gleichberechtigt und es wird viel gelacht und erzählt. Wir haben Zeit fahren mit 5,2 Knoten und genießen die Aussicht. Der Canal de Panamá erstreckt sich über eine Länge von 81,6 Kilometern und erreicht im 13 Kilometer langen Gaillard Cut seine engste Passage. Dort, wo heute die ausgebaggerte Fahrrinne liegt, musste beim Bau inmitten der kontinentalen Wasserscheide ein bis zu 200 Meter hoher Gebirgszug durchtrennt werden. Heute werden die Bergwände mit Maschinen abgetragen, die Arbeiten zur Kanalerweiterung an dieser Engstelle laufen seit 2003. Die Einschiffdurchfahrt ist für Panamamax noch nicht aufgehoben, das neue Konzept verlangt noch mehr Breite, es wird weiter gebaggert.
Als wir unter der Puente - Centenario (Jahrhundertbrücke) durchfahren, können wir deutsche Ingenieurskunst bewundern. Sie ist die zweite Verkehrsader über den Kanal und verbindet Nord- und Südamerika. Das Bauwerk ist 1.100 Meter lang. Die Lasten des 420 Meter langen Hauptbrückenfelds werden von zwei 180 Meter hohen Pylonen aufgenommen. Die 34 Meter breite, sechsspurige Fahrbahnplatte ist 80 Meter über dem Wasserspiegel. Einfach gigantisch, sie ist 2005 eröffnet worden. Wir fahren gleichbleibend mit 5,2 Knoten und erreichen um 11:20 Uhr die Pedro Miguel Schleuse. Wieder schnüren die Yachten sich zum Päckchen zusammen und der Catamaran Cabaret, der gestern Nacht in der zweiten Gatun Schleusenkammer war dockt an ein Tugboat an. Routinert gibt der Chefadviser von Bord der Kira seine Kommandos und Detlev steuert gelassen das Päckchen in die Schleusenkammer. Kein Motorausfall, der erste Wasserabscheider scheint Luft zu ziehen, werden wir in Balboa zu prüfen haben.
Nun geht es abwärts, die Panamaleinen werden gefiert, die Kraftanstrengung ist gering. Virginia am Bug und Karl am Heck haben viel Spaß. Jan ist für die Unterhaltung zuständig und sorgt für gute Laune und ich versorge alle mit kalten Getränken und betreue die Restaurantküche auf der Kira. Ohne Verzögerung motoren wir weiter in die Miraflores Schleusen, jetzt mit einer scheppernden Geräuschkulisse. Unter Deck kann man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Kurzer Motorraumcheck, alles in Ordnung, ein Blick auf die Welle, die läuft rund, kann es also nur die Operanode auf dem Wellenschaft sein, die sich gelockert hat und diesen Höllenlärm verursacht. Nur ruhig bleiben und freundlich in die webcamera winken, die aufgenommenen Bilder werden live auf der www.pancanal.com veröffentlicht. In Deutschland sitzen die Familie und die Freunde vor dem Computer und wollen die Schleusung der Kira von Celle beobachten. Wie uns sofort per Email mitgeteilt wurde, geschah es zur besten Sportschauzeit. Live dabei ist die Familie von Virginia. Sie stehen auf der Aussichtsplattform der Mira Flores Schleusen rufen und winken uns zu. Virginia hat über Handy unsere Ankunftszeit bekanntgegeben und nun strahlen Carlos und sie über beide Backen.
In Höhe der „Bridge of the Americas“ wird unser Adviser Jose vom Pilotboot abgeholt. Persönliche Verabschiedung und ein Dankeschön für die gute Arbeit an alle und eine Verabredung mit Jan für seine Kanaldurchfahrt mit der SY Atair am 24.02.2008. Am Balboa Yacht Club steigen Virginia, Carlos und Jan aus, unser nächster Treffpunkt: Casa del Carmen – Panamacity. Herzlichen Dank nochmals, ihr habt nicht nur eine tolle Arbeit abgeliefert, sondern auch für eine ganz besondere Atmosphäre gesorgt und uns unvergessliche Stunden geschenkt. Die gemeinsame Fahrt durch den Panamakanal war einmalig.
Wir liegen jetzt fest an einer Mooring im Balboa Yachtclub und sind überglücklich. Wir haben es gewagt den Atlantik mit seinen unterschiedlichen Meeren und Revieren zu verlassen und machen nun unsere Erfahrungen mit einem neuen Ozean, dem unendlich weiten Pazifik. Wir freuen uns auf eine spannende, abenteuerliche und abwechslungsreiche Zeit mit vielen Seestrecken.

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